eric kim london workshopEric Kim ist einer der  wohl derzeit bekanntesten und umtriebigsten Street Photographer weltweit. In Anlehnung an seine Blogrubrik “Learn from the Masters of Street Photography“, möchte ich euch ein wenig von dem unglaublichen Erfahrungsreichtum, den ich aus dem Workshop von Eric Kim am letzten Wochenende in London gezogen habe, weitergeben. Mein Schwerpunkt lag bei diesem Workshop auf Street Portraits, auf die sich auch viele der folgenden Punkte beziehen.

Am Anfang dachte ich, es würde sich “nur” um einen Street Photography Workshop handeln. Doch es war viel mehr: Eine tiefe Erkenntnis über mich selbst und meine bis dato mir selbst unbekannte Fähigkeit, wenn ins kalte Wasser geworfen, nicht hilflos mit den Armen zu rudern sondern noch ein paar Runden extra zu drehen, eine Lektion in Philosophie, Lebensfreude und Enthusiasmus von dem wohl besten Fotografielehrer weltweit und ein intensives, fokussiertes Wochenende mit Street Photography-Enthusiasten, die im Laufe des Wochenendes zu Freunden wurden.

Doch was sind die 10 Lektionen, die ich aus dem Londoner Street Photography Workshop von Eric Kim gezogen habe?

 

1. Du hast mehr Zeit als du denkst

Der größte Fehler, den gerade Anfänger machen, ist der, sich beim Fotografieren nicht genügend Zeit zu lassen. Zwei, drei Fotos, “wird schon ein gutes darunter sein, und außerdem halte ich die Person ja unnötig auf” ist eine Einstellung, der gerade bei Street Portraits nicht zielführend ist. Sicher, du hast dein Portrait, aber hast du alles, was das Portrait noch interessanter machen könnte, bedacht? Hast du wirklich die beste Kopfstellung/Geste/Mimik/Blickrichtung/Kameraposition/Hintergrund in dieser Situation gefunden? Lass dir Zeit, und mach pro Model mindestens 8-10 Fotos. Und mach noch mal 2 oder 3 Fotos, auch wenn du denkst, dass du das optimale Porträt schon im Kasten hast.

Die meisten Menschen, die ich während meines Workshop fotografiert habe, haben sich gefreut und waren ganz entgegen dem weitverbreiteten Klischee über Londoner nicht in Eile.

 

2. Es gibt immer ein noch besseres Foto (aber vielleicht musst du dafür geduldig sein)

Gib dich nicht mit dem zufrieden, was du nach einigen Fotos (scheinbar) hast. Es gibt meist eine Perspektive, eine Gesichtsausdruck oder ein Hintergrund, der noch ein lein wenig besser ist. Und es kann auch sein, dass du Geduld brauchst – wenn du vor einem interessanten Hintergrund auf eine interessant aussehende Person wartest, dann gibt dich nicht mit der erstbesten zufrieden.Warte auf jemand wirklich interessanten, denn du willst ja einen interessanten Hintergrund UND eine interessante Person. Gib dich nicht mit Mittelmäßigkeit zufrieden, auch wenn du am nächsten oder übernächsten Tag wieder zum gleichen Ort kommen musst.

 

3. Hab immer deine Kamera dabei

Die interessantesten Street Photos ergeben sich zufällig. Es kann auch im Restaurant auf dem Weg zur Toilette passieren, dass du ein fantastisches Motiv entdeckst, dem du ohne Kamera im richtigen Moment nachtrauern würdest. Dieses Motiv entdeckte Eric Kim als er mit seiner Freundin essen war:
Lansing Michigan 2013

Auf der Grundlage dieses Fotos wurde Eric für einen der sehr streng regulierten Magnum Workshops vorgeschlagen. Also: Habt eure Kamera immer dabei – euch entgeht ansonsten vieleicht etwas (eure Kamera ist zu schwer/groß, um sie immer dabei zu haben? Dazu kommen wir im nächsten Punkt).

 

4. Es ist nicht deine Kamera, die das Foto macht – du bist es!

Es gibt einen bestimmten Typ von Fotografen, die laut Eric wie folgt denken: “Wenn ich erst eine Leica/Hasselblad/(hier eine besonders begehrenswerte, teure, sich auf dem neuesten Stand der Technik befindliche Kamera einsetzen) habe, dann werde ich richtig gute Fotos machen können”  oder “Ich brauche mindestens 3 Festbrennweiten und ein High-End-Zoom, um Street Photography machen zu können” – es ist nicht die Technik, die gute Fotos machst, du bist es! Beschränke dich deshalb auf eine Kamera und eine Festbrennweite.

Für Streetfotografie sollte es kein Teleobjektiv sein, sondern etwas Weitwinkliges wie 28, 35 oder höchstens 50mm. Du wirst sehen, dass die Beschränkung auf eine Festbrennweite keine Einschränkung, sondern eine Bereicherung ist! Sie wird dich kreativer, experimentierfreudiger machen – und vor allem: Deine Fotos werden leichter einen einheitlichen Stil und somit einen Wiedererkennungswert bekommen. Ich habe den Schritt vom Zoomobjektiv zur Festbrennweite nie bereut – im Gegenteil: Sie hat mich auf ein qualitatives Niveau meiner Fotos katapultiert, die ich vor einiger Zeit noch nicht für möglich gehalten hätte.

 

5. Du kannst tolle Street Photography machen, wo auch immer du bist

Es muss nicht immer London, New York oder Tokio sein – du musst nicht weit reisen, um gute Street Photography machen zu können. Ja, sicher, die Motivsuche ist ein wenig schwieriger, da man schon meint, jede Ecke, jeden Baum und jede Hauswand zu kennen – wenn du jedoch beginnst, aufmerksam mit deiner Kamera durch deinen Ort zu streifen, wirst du merken, wie viel es noch zu entdecken gibt!

Der Tipp von Eric Kim lautet, für einen vordefinierten Zeitraum, z.B. 4 Wochen jeden Tag in einer bestimmten Gegend zu fotografieren. Irgendwann werden dich die dortigen Geschäftsinhaber und Anwohner eventuell vom Sehen kennen, du wirst mit ihnen ins Gespräch kommen – und durch den entstandenen Kontakt tolle Fotos machen, gleich vor deiner Haustür!

 

6. Das Fotografieren selbst ist wichtiger als die Ausbeute

Was denkst du, wie viel richtig gute Fotos Profifotografen machen? Bei den meisten Profis kommt pro Monat ein richtig gutes Foto raus. Und das bei mehreren tausend Aufnahmen in diesem Zeitraum! Eric Kim meint hierzu, dass ein gutes Foto pro Jahr eine gute ausbeute ist. Also gräme dich nicht, wenn du nach einem Nachmittag auf den Straßen mit keinen befriedigenden Ergebnissen zurückkehrst –du warst an der frischen Luft, hast interessante Sachen gesehen und bist deiner Leidenschaft nachgegangen – der Tag war also ein voller Erfolg! Das nächste Hammerbild wird kommen – mit großer Sicherheit dann, wenn du es nicht erwartest (siehe Punkt 3).

 

7. Gute Fotografen versetzen sich in andere Menschen hinein

Wie würdest du reagieren, wenn dir jemand Bruce Gilden-like auf der Straße eine Kamera ins Gesicht hielte und abdrückt? du wärst vermutlich sauer, wütend, verängstigt. Wenn du auf eine solche Art und weise fotografierst, darfst du dich über negative Reaktionen der Menschen nicht wundern. Wenn du jemanden auf der Straße ansprichst, weil er aus der Masse der anderen Passanten hervorsticht und du ihn deshalb fotografieren möchstest, ist das für die meisten Menschen ein tolles Kompliment -und sie werden mit Freude für dich posieren.

 

8. Wie spricht man fremde Menschen an? Es ist nicht nur das, was du sagst, sondern wie du es sagst

Während des Workshops in London hat sich für mich die folgende Methode, Menschen anzusprechen, als die beste herauskristallisiert: Dein potentielles Street Photography Model anlächeln, entspannt ansprechen mit: “Hallo, ich bin Fotograf und mache gerade eine Porträtserie, hättest du kurz Zeit für ein Foto?” Wenn die Reaktion positiv vorstellt, dann stelle ich mich kurz vor und fange an zu fotografieren – 5 bis 10 Fotos oder mehr. Dabei versuche ich mit den Menschen zu reden und zu interagieren, dass sie sich nicht unwohl fühlen. Zur Verabschiedung kannst du anbieten, dass du deinem Model das Foto per email zusendest oder du gibst ihnen deinen Visitenkarte mit deiner Webseite und Kontaktmöglichkeit.

 

9. Wie sieht eine perfekte Streetfotografie aus? Das Triangel-Prinzip

Wie sieht nun ein wirklich interessantes Street Photo aus? Es sollte entweder eine kleine Geschichte erzählen oder grafisch schon als Vorschaubild spannend wirken – idealerweise beides. Personen sollten sich nach Möglichkeit nicht überschneiden und etwas Freiraum zwischen den abgebildeten Elementen vorhanden sein. Die meines Erachtens besten Street Photos sind die, die den Betrachter von einem Objekt auf dem Foto zum nächsten wandern lassen, idealerweise sind die Objekte nach dem Triangelprinzip aufgebaut wie auf folgendem Foto, das am Tag nach dem Workshop entstand:
london sw (36 von 36)

“Offene” Fotos sind allgemein spannender als “geschlossene” Bilder. Was ist ein geschlossenes Foto? Das Bild eines Straßenmusikers zum Beispiel. Hier gibt es nicht viel Interpretationsspielraum. Es ist eben nur das Foto eines Straßenmusikers mit einem Hut vor sich. Das obige Foto lässt z.B. Interpretationsspielraum, man kann sich dazu eine kleine Geschichte ausdenken wie auch zum obigen Restaurantfoto von Eric Kim.

 

10. Trenne strikt das Fotografieren und die Bearbeitung

Wenn du fotografierst, dann fotografiere alles, was dir auffällt, ohne nachzudenken, ob dieses Foto in deine Serie passt, ob es jetzt hochqualitative Street Photography ist oder ob es zu banal ist. Du weißt nie, ob du später bei der Bearbeitung in Lightroom oder Photoshop durch etwas Beschnitt oder durch die Transformation in S/W nicht doch ein Foto erhälst, über das du froh bist, es gemacht zu haben. Deshalb: Beim Fotografieren nicht allzuviel in Konzepten denken – einfach fotografieren!

 

11. Kauf dir Fotobücher statt Kameraequipment!

Das Geld, das du dir beim Nichtkauf überflüssigen Kameraequipment sparst, solltest du in gute Fotobücher investieren. Alleine durch das Betrachten von großartiger Street Photography abends auf dem Sofa lernst du enorm viel über gute Bildgestaltung und “funktionierende” Street Photography. Meine Buchempfehlungen für Einsteiger sind:

  • Exiles – Josef Koudelka
  • The World Atlas of Street Photography
  • Street Photographer  -Vivien Maier
  • Street Photography Now

 

Eric Kim hat im übrigen auch einen Yotube-Kanal, auf dem er extrem Hilfreiches zum Thema Street Photography und Einblicke in seine Workshops postet. Für eine Einführung in die Street Photography solltest du dir diese drei Videos ansehen:




Meine Ergebnisse vom Workshop könnt ihr hier und hier und auch auf meiner Facebookseite ansehen. Welche Erfahrungen habt ihr mit Street Photography gemacht? Wie findet ihr die Arbeit von Eric Kim? Ich bin auf eure Meinungen gespannt!